Musik gegen das Vergessen
„Musik gegen das Vergessen“: Kiwanis-Club Worms erinnert mit Gesprächskonzert an jüdische Komponistinnen und Komponisten
Benefizabend in der Lucie-Kölsch-Musikschule unterstützt den Lern- und Gedenkort „Der letzte Weg“
Mit dem Gesprächskonzert „Musik gegen das Vergessen“ hat der Kiwanis-Club Worms am 30. Oktober 2026 an jüdische Komponistinnen und Komponisten erinnert, deren Leben und Werk die nationalsozialistische Verfolgung gewaltsam unterbrochen hat. Veranstaltet wurde der fast dreistündige Abend im Konzertsaal der Lucie-Kölsch-Musikschule gemeinsam mit den Mannheimer Philharmonikern, der Musikschule und der Stadt Worms. Die Spenden des Abends kommen dem Lern- und Gedenkort „Der letzte Weg“ zugute, der am Wormser Hauptbahnhof entsteht.
„Erinnern, Gedenken und Bewahren sind keine Aufgaben, die allein der Vergangenheit gelten“, betont der Club. „Sie sind eine gesellschaftliche Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft.“ Gerade in Worms, dessen Geschichte mit den SchUM-Stätten von jüdischem Leben geprägt ist, gehöre auch die Erinnerung an Verfolgung und Ermordung der Wormser Jüdinnen und Juden untrennbar zur Stadtgeschichte.
Fünf Lebenswege, fünf musikalische Stimmen
Kiwanis-Präsidentin Annette Glücklich und der Musikwissenschaftler Dr. Gerrit Bogdahn, Referent der Geschäftsführung der Mannheimer Philharmoniker, stellten die Komponisten und ihre Werke vor:
- Rosy Wertheim (Niederlande) überlebte im Versteck, ein Großteil ihrer Familie wurde ermordet.
- Gertrud Schweizer aus Mannheim wurde 1940 mit ihren Geschwistern bei der Wagner-Bürckel-Aktion nach Gurs verschleppt und 1942 in Auschwitz ermordet.
- Viktor Ullmann (Österreich) prägte das Musikleben im Ghetto Theresienstadt und wurde am 18. Oktober 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet.
- Karel Berman (Tschechien) überlebte mehrere Lager.
- Vally Weigl (Österreich) musste 1938 mit ihrer Familie in die USA emigrieren und wurde dort zu einer Pionierin der Musiktherapie.
Besonders bewegend, geradezu schmerzend, war Karel Bermans Klaviersuite „Reminiscences 1938–45“. Pianistin Anita Hoffmann interpretierte die acht Szenen, jeweils kurz von Annette Glücklich kommentiert – von der behüteten Jugend in Prag über die Lager Lipa, Theresienstadt, Auschwitz und Kaufering bis zur Befreiung.
Pianist Thomas Hofmann spielte sieben kurze Klavierstücke von Gertrud Schweizer.
Das Streichquartett mit Vardan Poghosyan und Adam Habram (Violine), Petro Halasz (Viola) und Julia Barahal (Violoncello) brachte Werke von Wertheim, Ullmanns Streichquartett Nr. 3 sowie Weigls „Adagio for Strings“ zu Gehör. Dieses Stück lag nur als handschriftliche Partitur vor und erklang nach Einschätzung von Dr. Bogdahn möglicherweise zum ersten Mal.
Erinnerung, die junge Menschen erreicht
Zwischen den Werken berichtete Annette Glücklich von den Stolpersteinreinigungen, die der Club im Rahmen der von Kiwanis initiierten SchUM-Projektwoche mit Kindern und Jugendlichen durchgeführt hatte. „Wir haben ganz unterschiedliche Reaktionen erlebt“, sagte sie. „Es gab Menschen, die nicht verstehen konnten, warum wir das tun, aber auch viele, die sich bedankten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Mann, der uns erzählte, dass er selbst Jude sei. Er habe sich schon lange gewünscht, einmal dabei zu sein, wenn die Stolpersteine richtig sauber gemacht werden. Dass sich junge Menschen darum kümmern, hat ihn sehr berührt. Und uns auch.“
Ihr Fazit: „Wir müssen Kindern und Jugendlichen immer wieder erklären, woran die Stolpersteine erinnern.“
Drei Schülerinnen des Eleonoren-Gymnasiums hatten sich mit den Schicksalen der Familie Levita, des Ehepaars Emanuel und Adolfine Bär sowie der Familie Fritz und Emma Mayer beschäftigt und ihre Texte für das Konzert eingesprochen. Ein Grußwort kam per Videobotschaft von der designierten Oberbürgermeisterin Stephanie Lohr. Und in der Pause gab es selbstgebackenen Käsekuchen der Präsidentin – nach einem Rezept aus dem Buch „Oma Minas Käsekuchen“, das sie zuvor schon mit Schülern der Pfrimmtal-Realschule plus erprobt hatte.
Spenden für den Gedenkort „Der letzte Weg“
Im März und September 1942 wurden rund 180 Wormser Jüdinnen und Juden unter anderem in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Mit dem Lern- und Gedenkort „Der letzte Weg“ schafft die Stadt Worms gemeinsam mit dem Förderverein Lern- und Gedenkort Güterbahnhof e.V. unmittelbar am Hauptbahnhof einen dauerhaft öffentlich zugänglichen Ort, der ihre Namen sichtbar macht, lokale Biografien erschließt und vor allem junge Menschen gegen Antisemitismus sensibilisiert.
Am Ende des Abends warb Annette Glücklich um großzügige Unterstützung durch Spenden.
